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aus: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 11.03.2015 von Michael Böhm
 

Gefährlicher Traum vom schnellen Geld

Im Landkreis lassen sich immer mehr Spielsüchtige beraten. Sie selbst erkennen meist zu spät, dass das Geschäft mit Automaten nur für andere lukrativ ist

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Die Hände voller Geld: Ein Traum, der sich
auf Dauer für kaum einen Spieler an Geldautomaten erfüllt.

Für die einen ist es ein lukratives Geschäftsmodell. Für die anderen die Hoffnung auf das schnelle Geld – und oft der Anfang vom Ende. Denn in Spielautomaten lauert meist eben nicht das große Glück, sondern die Sucht. Diese wird offenbar auch im Landkreis Neu-Ulm zu einem immer größeren Problem. Das zeigen die aktuellen Zahlen der Suchtberatung des Diakonischen Werks.

Suchten im Jahr 2013 noch 89 Personen Hilfe bei den Suchtberatern, waren es 2014 bereits 120. Ein Anstieg von 35 Prozent. „Das größte Problem sind die Geldspielautomaten. Aber auch Online-Poker und Sportwetten werden immer bedeutender“, weiß Sozialpädagogin Christin Krieger, die sich bei der Diakonie auf Spielsucht spezialisiert hat. Männlich, 30 Jahre alt und seit zehn Jahren im „Spielbetrieb“ – so sieht er aus, der durchschnittliche Spielsüchtige, der bei ihr mit der Bitte um Rat an die Tür klopft. Freiwillig komme zu ihr kaum einer, sagt Krieger.

Foto: dpa   

Die meisten tauchen erst auf, wenn ihnen das „Wasser schon bis zum Hals steht“. Soll heißen: Fast jeder ihrer Klienten hat ein dickes Minus auf dem Kontoauszug stehen, durchschnittlich rund 30000 Euro, die er auf unterschiedlichste Arten verzockt hat.

Die Hoffnung auf das große Geld erfüllt sich für die wenigsten von denen, die an den Automaten die Knöpfe drücken. Für die meisten Betreiber dagegen lohnt sich das Geschäft mit den „einarmigen Banditen“ durchaus. Laut aktuellen Zahlen der Landesstelle für Glücksspielsucht in Bayern holten diese allein in der Stadt Neu-Ulm im vergangenen Jahr 8,9 Millionen Euro aus den insgesamt 306 im Stadtgebiet aufgestellten Automaten. In Illertissen waren es knapp 500000 Euro aus 17 Automaten. Keine Aussagen gibt es dazu, wie viel Gewinn an die Spieler ausgeschüttet wurde. „Dafür haben wir keine konkreten Zahlen", erklärte ein Sprecher der Landesstelle gestern auf NUZ-Nachfrage. Viele Betreiber werben jedoch damit, dass ihre Automaten eine Auszahlungsquote von 70 bis 90 Prozent haben. Bei 100 eingezahlten Euro kommen also im Schnitt 70 Euro wieder heraus.

Weil die Spielsüchtigen selbst die Falle, in der sie stecken, meist zu spät erkennen (wollen), haben es sich die Suchtberater der Diakonie im vergangenen Jahr zum Ziel gesetzt, auch für die Angehörigen der Betroffenen ein spezielles Angebot zu machen. „Oft brauchen auch die Helfer Hilfe“, weiß Karola Steiger, die seit einem Jahr die so genannte Angehörigengruppe leitet. Dort können sich Freunde, Bekannte, Verwandte von Süchtigen unter fachkundiger Anleitung austauschen und so gegenseitig helfen. „Uns ist wichtig, dass die Betroffenen überhaupt darüber sprechen“, sagt Steiger.

Erkrankungen wie Spiel- , Alkohol- oder Medikamentensucht – für diese ist die diakonische Suchtberatungsstelle in der Neu-Ulmer Eckstraße zuständig – seien in der Gesellschaft immer noch stigmatisiert: „Wir arbeiten daran, dass die Sucht als Krankheit wahrgenommen wird und nicht in die Schmuddelecke gepackt wird, über die niemand spricht.“

Bei der Generation der heute etwa 30-Jährigen sei das Problembewusstsein schon deutlich größer als bei älteren Semestern, sagt Renate Janik, Leiterin der Beratungsstelle. Nichtsdestotrotz komme kaum ein Betroffener freiwillig zur Beratung. Egal, welchen Alters. „Die meisten Menschen ändern erst etwas, wenn der Leidensdruck zu groß ist.“ Beim einen ist es die Gesundheit, beim anderen der Blick auf das leer geräumte Konto oder die immer weiter wachsenden Probleme in der Familie. Bei manchen schlicht ein Bild, das die eigene Tochter mit Buntstiften gemalt hat.

„Zu mir kam einmal ein Mann, nachdem ihn seine sechsjährige Tochter ganz selbstverständlich mit einer Flasche Bier in der Hand gemalt hat. Das hat ihn so geschockt, dass er beschlossen hat, etwas zu ändern“, erinnert sich Christin Krieger.

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