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aus: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 13.06.2014
 

Psychisch Kranken wird Tür zugeknallt

Kassen bezahlen Sprechstunden des Bezirkskrankenhauses in Illertissen nicht mehr

Für psychisch kranke Menschen ist es vielfach ein beschwerlicher Weg, und es erfordert Mut, das gewohnte Umfeld zu verlassen. Trotzdem hatte sich am Mittwoch eine Gruppe Betroffener ins Illertisser Vöhlinschloss aufgemacht, um ihrer Empörung Luft zu verschaffen. Dort konnten im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Versorgung auf dem Prüfstand“ Depressionskranke Vorträge von Spezialisten hören und anonym über ihre Krankheit und die aktuelle medizinische Versorgung berichten. Betreuer aus dem Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ), das in einem Haus gleich neben der Illertalklinik untergebracht ist, begleiteten sie. Das Thema ist ihnen zu wichtig.

Psychisch Kranke aus Illertissen und Umgebung müssen von 1. Juli an einen gewaltigen Einschnitt hinnehmen. Ihnen wird quasi eine Tür zugeknallt. Die Krankenkassen bezahlen dann die Sprechstunden, die das Bezirkskrankenhaus Günzburg seit einigen Jahren ambulant in Illertissen anbietet, nicht mehr. Sie müssen das nicht. In einem bis jetzt noch bindenden höchstrichterlichen Urteil ist festgestellt, dass Ambulanzen zur Betreuung psychisch Kranker außerhalb der Einrichtungen der Bezirkskliniken nicht zulässig sind. Irgendwo in Deutschland hatten wohl Ärzte gegen diese Ambulanzen und ihre wohnortnahen Außensprechstunden geklagt und Recht bekommen. Das Urteil datiert bereits aus dem Jahr 1995. Aber erst jetzt halten sich die Kassen an die richterlichen Vorgaben. Die Sprechstunden, ambulant, aber an einem festen Ort angeboten, werden nicht mehr bezahlt. Das SPZ in Illertissen hatte sich kurz nach seiner Eröffnung im März 2010 um eine Genehmigung für Sprechstunden der sogenannten Psychiatrischen Institutsambulanz bemüht und die Zusage der Kassen noch bekommen. Jetzt wird nicht mehr gezahlt.
Betroffen ist nicht nur Illertissen. Die sieben Häuser der schwäbischen Bezirkskliniken unterhalten solche Ambulanzen in zahlreichen Orten. Die medizinische Versorgung in Illertissen trifft es aber besonders hart, denn es gibt dort und auch in der näheren Umgebung keine niedergelassenen Psychiater.

Freilich werden solche Sprechstunden auch in den Bezirkskrankenhäusern wie Günzburg oder Memmingen weiter angeboten. „Sie können sich aber nicht vorstellen, welche Belastung das für die Erkrankten und ihre Angehörigen darstellt“, erzählt die Tochter einer weit über 90-jährigen Frau, die wegen ihrer psychischen Leiden auf regelmäßige Betreuung und medikamentöse Versorgung angewiesen ist. „Früher mussten wir nach Ulm fahren. Das war eine enorme Belastung für meine Mutter. Wir haben uns so gefreut, als die Sprechstunden in Illertissen angeboten wurden.“

Das Angebot war notwendig. Etwa 100 Kranke besuchen die Sprechstunden im SPZ. Ein Ortswechsel in der Betreuung wäre für diese Menschen ein gravierender Einschnitt, bestätigt auch Claudia Lorenz vom SPZ. Es gehe nicht nur um zusätzliche Kosten für die Fahrten und den zeitlichen Aufwand, der zum Beispiel für Berufstätige zur Belastung ausarten könne. Solche Fahrten könnten bei Depressiven auch zusätzliche Ängste auslösen. Noch gravierender sei der Verlust der Ärztin. Zu ihr hätten die Besucher in den letzten Jahren ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das nun zerstört werde, wenn die behandelnden Mediziner öfter wechselten.

Das wollen Betroffene wie Betreuer aus Illertissen nicht ohne Gegenwehr hinnehmen. Sie haben sich dem Aufruf der Bezirkskliniken angeschlossen und schreiben nun Brandbriefe an die Kassenärztliche Vereinigung in Bayern (KVB). Thomas Düll, der Vorstandsvorsitzende der zuständigen Bezirkskliniken, kann nur noch den Kopf schütteln, wenn er hört, dass Krankenkassen zwar die ambulanten Sprechstunden nicht mehr bezahlen wollen, aber dafür sogenannte Hausbesuche finanzieren. Das Urteil von 1995 hält er für überholt. „Ist doch klar, dass es vor 20 Jahren noch nicht die Therapiemöglichkeiten gab wie heutzutage.“ Düll sieht nun den Gesetzgeber in der Pflicht, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass eine ambulante Betreuung künftig wieder angeboten werden kann. Schließlich sei der Bedarf gegeben. (rp/az)

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