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aus: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 26.04.2017
 

Psychisch Kranke müssen weiter warten

2014 wurden die Sprechstunden der Psychiatrischen Institutsambulanz in Illertissen eingestellt. Eine Gesetzesänderung gibt nun zwar neue Hoffnung – bringt aber auch Hürden mit sich. Von Madeleine Schuster


    Einmal in der Woche fanden im Sozialpsychiatrischen Zentrum in Illertissen Sprechstunden der Psychiatrischen Institutsambulanz statt. 2014 wurde die Außenstelle dann geschlossen. Betroffene müssen stattdessen ins Bezirkskrankenhaus nach Günzburg fahren.

Foto: Symbolfoto: Benjamin Ulmer, dpa

Der Weg zum nächsten Supermarkt, zur Bank oder zum Arzt: An manchen Tagen ist das für Anna Müller (Name geändert) ein fast unüberwindbares Hindernis. Seit sechs Jahren leidet sie an Depressionen, fühlt sich oft niedergeschlagen, schlapp und traurig. Die einfachsten Aufgaben werden für sie dann zum Problem – wie die gut halbstündige Fahrt von ihrem Wohnort nach Günzburg, wo Müller regelmäßig Hilfe bekommt.

Seit einiger Zeit nimmt sie dort das Angebot der Psychiatrischen Institutsambulanz (Pia) in Anspruch. „Gezwungenermaßen“, sagt Müller. Denn seit es die Sprechstunden in Illertissen nicht mehr gibt, müssen Betroffene nach Günzburg fahren. Für die meisten sei das eine große bis unmögliche Belastung, sagt Claudia Lorenz vom Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ) in Illertissen. 2014 wurden die wöchentlichen Sprechstunden, in denen sich die Patienten mit einer Ärztin aus dem Bezirkskrankenhaus Günzburg austauschen konnten, am SPZ in Illertissen eingestellt – für psychisch Kranke wie Müller bis heute ein großer Einschnitt. Und dabei sah es vor rund eineinhalb Jahren so aus, als würde sich für die Patienten in der Region bald eine Lösung abzeichnen.

Grund für Optimismus gab im September 2015 ein Besuch des Bezirkstagspräsidenten Jürgen Reichert. Im SPZ in Illertissen hatte Reichert von einer Gesetzesänderung gesprochen, die mittlerweile in Kraft getreten ist. Sie macht es möglich, dass Institutsambulanzen als Außenstellen von Krankenhäusern nicht mehr unmittelbar an ihre Mutterkliniken angebunden sein müssen – im Fall Illertissen also an das Bezirkskrankenhaus (BKH) Günzburg. Noch im Juli 2014 war diese Anbindung der Grund, warum das BKH seine Pia-Außenstellen nicht nur in Illertissen, sondern auch in Wertingen (Landkreis Dillingen) und Ursberg (Landkreis Günzburg) schließen musste. Die Krankenkassen stuften die Außensprechstunden als rechtswidrig ein und übernahmen die Kosten nicht mehr. Berufen hatten sie sich dabei auf ein richterliches Urteil aus dem Jahr 1995. Rund 160 psychisch Kranke aus Illertissen und Umgebung standen mit ihren Problemen von da an quasi auf der Straße.

Doch trotz vorliegender Gesetzesänderung sei es nicht so einfach, die Außenstellen nun wieder zu eröffnen, sagt Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben. Das Problem sei, dass der Gesetzestext zu viel Spielraum lasse. Die Außensprechstunden könnten theoretisch zwar wieder angeboten werden, „aber nur, wenn der Bedarf da ist“. Und genau das sei der Knackpunkt.

Ob Bedarf am zusätzlichen Angebot besteht, legt die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) fest, die die ambulante medizinische Versorgung im Freistsaat organisiert. Im Prinzip reiche schon ein niedergelassener Psychiater in der Nähe aus, um den Bedarf als gedeckt anzusehen, sagt Düll. In den Gesprächen, die er derzeit mit der KVB führe, gehe es darum, genau das zu widerlegen. Es sei „Überzeugungsarbeit notwendig“ um zu zeigen, dass die Sprechstunden vor Ort wichtig und keine Konkurrenz für niedergelassene Fachärzte sind. „An unserem Ziel, die Außensprechstunden wieder zu eröffnen, halten wir aber nach wie vor fest“, so der Vorstandsvorsitzende. In den kommenden Wochen, sagt Düll, wolle er für fünf bis sechs Außenstellen in Schwaben einen entsprechenden Zulassungsantrag stellen, darunter sei auch Illertissen. „Wie es ausgeht, ist aber völlig offen.“

Im SPZ in Illertissen jedenfalls hofft man darauf, dass es die Pia dort bald wieder geben wird. Durch die Zunahme psychischer Erkrankungen habe der Bedarf an den Sprechstunden in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen, sagt Mitarbeiterin Claudia Lorenz. Dagegen sei die Versorgung mit Fachärzten im südlichen Landkreis Neu-Ulm „mehr als dünn“, so SPZ-Leiter Sebastian Klinghammer. Denn einen niedergelassenen Psychiater gebe es in Illertissen nicht. Betroffene müssten stattdessen Ärzte in Ulm, Neu-Ulm oder Memmingen aufsuchen, die oftmals „hoffnungslos überfüllt“ seien und deshalb sehr lange Wartezeiten hätten. Gleiches gelte für die sogenannten aufsuchenden Termine – Hausbesuche von Ärzten, die die Krankenkassen nach wie vor finanzieren.

Für die Mitarbeiter des SPZ gibt es aber noch einen weiteren Grund, warum sie das Angebot der Pia in Illertissen schätzen: „Alles wäre wieder unter einem Dach“, sagt Arbeitserzieherin Anni Heudorfer. Die kurzen Wege hätten Barrieren und Hürden abgebaut. Es sei ein „geschützter Rahmen“ gewesen, in dem sich die Besucher wohl fühlten und Vertrauen aufbauen konnten.

Bereits 2014, als die Pia-Außenstelle geschlossen wurde, hatten einige Patienten all ihren Mut zusammengenommen und in Briefen an ihre Krankenkassen gegen die Schließung protestiert. Bislang ohne Erfolg. Durch den Besuch des Bezirkstagspräsidenten vor eineinhalb Jahren hätten viele dann wieder Hoffnung geschöpft „und sind jetzt enttäuscht, dass noch immer nichts passiert ist“, kritisiert Lorenz. „Sie haben das Gefühl, nicht wichtig zu sein.“

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