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aus: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 27.06.2014 von Ralph Patscheider
 

Arger Verlust für psychisch Kranke

Betroffene erklären, warum sie das Ende der Sprechstunden in Illertissen so hart trifft

Das Schild hängt noch, der Platz bleibt dienstags leer. Die Sprechstunden
der psychiatrischen Institutsambulanz in Illertissen entfallen.

Foto: R. Patscheider

 Es seien diese schier unbesiegbaren Angstzustände, die ihn zum Dauerpatienten gemacht haben, erzählt der stämmige Mittvierziger. Dass er angesichts dessen jetzt ein Schreiben seiner Krankenkasse einigermaßen gefasst vorzeigen kann, ist vermutlich Ausdruck schwindender Hoffnung, die sich beim ihm wie bei anderen Sprechstunden-Besuchern der Psychiatrischen Institutsambulanz (Pia) breit macht.

Im Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ) nahe der Illertalklinik in Illertissen hat eine Ärztin aus dem Bezirkskrankenhaus Günzburg seit vier Jahren regelmäßig Außensprechstunden für psychisch Kranke angeboten. Am Dienstag zum letzten Mal, denn die Krankenkassen bezahlen diese medizinische Hilfe nicht mehr. Wie berichtet, gibt ihnen ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 1995 das Recht dazu. Rund 160 psychisch Kranke aus Illertissen und Umgebung stehen mit ihren Problemen von Juli an quasi auf der Straße. Freilich könnten sie auf das Angebot von Hausbesuchen zurückgreifen, die noch erstattet werden. Aber alle 160 Patienten könnte die Ärztin aus zeitlichen Gründen gar nicht häuslich betreuen. Gefährlich lange Wartezeiten wären ein Resultat. Natürlich könnten sie zu einem anderen Psychiater gehen – gibt es in Illertissen aber nicht. Freilich könnten sie Sprechstunden in Günzburg aufsuchen. Aber das kann bei Depressionen eine übermenschliche Herausforderung darstellen. Ganz abgesehen von Kosten- und Zeitaufwand. Um dies abzuwenden, haben sich die Besucher der Pia-Sprechstunden zu einer gemeinsamen Aktion aufgerafft. Sie haben Briefe an ihre Krankenkassen geschickt. Darin drücken sie ihre Verunsicherung und ihr Befremden über die neue Situation aus und beantragen, die wohnortnahe Versorgung in bisherigem Umfang zu erhalten. „Seit Jahren wird in Öffentlichkeit und Politik die heimatnahe psychiatrische Versorgung befürwortet, warum jetzt diese Kehrtwende“, fragen sie. Sie sind nicht allein. Der Richterspruch gilt bundesweit. Auch die Bezirkskliniken machen sich für eine Kostendeckung der Außensprechstunden stark.

Die Krankenkassen ihrerseits wissen mit der Änderung umzugehen. In dem Antwortschreiben, das der Mittvierziger erhalten hat, zieht sich dessen Krankenkasse nach Ansicht seiner Betreuer auf Formalien zurück. Eine unterkühlte Absage. So sehen es jedenfalls Leidensgenossen des Mannes. Fünf von rund 160 Patienten, die regelmäßig die Illertisser Sprechstunden der inzwischen so vertrauten Ärztin aufgesucht haben. Sie kennen sich, ihre Krankheitsgeschichte, haben zum Teil in ambulanten Wohngemeinschaften versucht, wieder in ein weitgehend selbstständiges Leben zurückzufinden. Da gibt es den über 60-Jährigen, dem sie das Haus wegnehmen wollten, nachdem die Mutter ein Pflegefall geworden war. Als ihm auch noch die Arbeit fristlos gekündigt werden sollte, folgte der Zusammenbruch. Eine Kinderkrankenschwester war wegen Arbeitsüberlastung häufig krank. Bei ihr kam der Knacks, als sie, wie sie sagt, weggemobbt werden sollte.

Der Endvierziger war Servicetechniker einer Fastfood-Kette. Sein Handy klingelte 24 Stunden am Tag. „Ich hatte keine Zeit mehr für meine Kinder.“ Als er das erste Mal zusammenklappte, sei er sogar noch im Krankenbett angerufen worden, erzählt er. Heute ist er Frührentner mit 560 Euro im Monat. „Ich wüsste nicht, wo ich die fast 20 Euro Fahrtkosten in eine Sprechstunde nach Günzburg noch abzweigen sollte“, sagt er. Außerdem nimmt er starke Medikamente. Er müsste sich regelrecht nach Günzburg schleppen.

Den Mittfünfziger warf – obwohl sportlich und beruflich erfolgreich – ein Kindheitstrauma aus der Bahn. Er lebt heute von Grundsicherung. Er erklärt, sich selbst zu gestehen, psychisch krank zu sein, sei unendlich schwer gewesen. Und noch schlimmer seien Aufenthalte in den Bezirkskrankenhäusern. Dies empfinden die Patienten jeweils als herben Rückschlag auf dem Weg in ein normales Leben. „Bei psychischen Krankheiten wird man nicht geheilt aus dem Krankenhaus entlassen wie etwa nach einem Beinbruch“, erzählt der Mittfünfziger. „Die Krankheit bleibt.“ Das Gesprächsangebot sei danach ebenso wichtig wie die medikamentöse Versorgung, erzählt die Krankenschwester. Sie hatte regelmäßig die Sprechstunden in Illertissen besucht. „Das gab mir Sicherheit und Stabilität. Bei uns allen sind die stationären Aufenthalte zurückgegangen.“ Sich laufend anderen Ärzten anzuvertrauen, seine Krankheitsgeschichte neu zu erzählen, das schaffe nicht jeder. „Der Wegfall der Sprechstunden ist für uns so schlimm wie ein familiärer Verlust“, erzählen die fünf Besucher im SPZ Illertissen. Und so ganz haben sie die Hoffnung, dass die Krankenkassen einlenken könnten, doch noch nicht aufgegeben.

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