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aus: Günzburger Zeitung vom 26.07.2008, S.30

„Ich will etwas Sinnvolles für andere tun“
Sozialpatin Johanna Brosch kümmert sich um verschuldete Frau

Von Jürgen Bigelmayr
Günzburg Johanna Brosch beugt sich über eine große Schachtel und holt einen Stapel Papiere heraus. Es sind Rechnungen, Mahnungen, Mahn- und Vollstreckungsbescheide, Schreiben von Gläubigern, Rechtsanwälte und Inkassobüros. „Letztes Mal, als ich hierher gekommen bin, war die Schachtel randvoll“, erzählt die 40-jährige Jettingerin, die seit einigen Wochen ehrenamtliche Sozialpatin ist.
Hier – das ist die Wohnung von Ines K. (Name geändert). Sie ist Klientin von Gerhard Bohm, dem Leiter der Schuldnerberatungsstelle am Landratsamt. Ines K.s Problem ist nicht nur, dass sie Schulden hat, sondern auch, dass sie nicht versteht, was in der Fülle von entsprechenden Dokumenten steht. „ Sie ist funktionale Analphabetin, das heißt, sie kann zwar schreiben und lesen, ist aber nicht oder nur sehr begrenzt fähig, den Inhalt dessen zu erfassen“, erläutert Bohm.

Auf Hunderte von Schreiben nicht richtig reagiert
Über Jahre hinweg hat sie daher auf Hunderte Rechnungen und Mahnbriefe nicht richtig reagiert. Statt zu antworten oder ihr Schulden zu begleichen, sammelte sie die Papiere in der Schachtel, die sie, als sie randvoll war, in den Dachboden verfrachtete. Schreiben jüngeren Datums legte sie unsortiert in eine Schublade. Immer wieder hat sie wichtige Papiere auch in ihrem Ofen verfeuert. „Sie war einfach überfordert“, sagt Bohm verständnisvoll.
Die Unterlagen inhaltlich zu erfassen, zu sortieren und in Aktenordner abzulegen – dazu ist Ines K. selbst nicht in der Lage. Bohm indes kann ihr – bei den rund 250 Fällen, die in der Schuldnerberatungsstelle zurzeit laufen – diese Arbeit nicht abnehmen. Bevor er aber nicht alle relevanten Schriftstücke richtig geordnet vorliegen hat, kann er ihr auch nicht helfen, ihre Schulden zu regulieren.
Jemand, der diese Vorarbeit erledigt, ist also Gold wert. Das tut Johanna Brosch seit gut zwei Wochen. Sie ist eine von bislang sechs Frauen (Männer sind, obwohl erwünscht, noch keine darunter), sie sich im Freiwilligenzentrum „Stellwerk“ gemeldet haben, um als Sozialpatin eingesetzt zu werden. Susanne von Zimmermann, die Leiterin des Freiwilligenzentrums, vermittelt die freiwilligen Helfer an einer der zehn Kooperationspartner von „Stellwerk“.
So kam Johanna Brosch zu ihrer jetzigen Aufgabe. Diese „kommt mir entgegen“, sagt sie. „Ich kann gut sortieren, strukturieren, logische denken.“ Alles Fähigkeiten, die auch in ihrem Beruf als Technische Einkäuferin bei der Firma Wallace & Tiernan gefordert sind. Dort arbeitet sie in Vollzeit. Nach Feierabend besucht sie einmal pro Woche Ines K., arbeitete den Berg an Papieren ab, der sich über die Jahre angesammelt hat, geht mit ihr die Post der Woche durch, redet mit ihr. Soweit es möglich ist, will Johanna Brosch Ines K. mit der Zeit  „zu einer gewissen Selbständigkeit“ bringen. „Hilfe zur Selbsthilfe“  - genau das sei der Kerngedanke der Sozialpatenschaft, merkt Susanne von Zimmermann an.
Sozialpatin – warum opfert Johanna Brosch einen Teil ihrer Freizeit dafür? „Ich will meine Freizeit sinnvoll gestalten, etwas für andere tun. Menschen helfen, mich auf sie einlassen – das finde ich spannend“, sagt sie. Auch wenn sie als Sozialpatin nicht bezahlt wird, bekomme sie „viel zurück“. „Der Frau zu helfen aus ihrem Schlamassel herauszukommen, ist ein super Gefühl.“

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