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aus: Südwest Presse vom 01.07.2014 von  INGE SÄLZLE-RANZ
 

Keine Hilfe für psychisch Kranke in Illertissen

Psychisch Kranke konnten in Illertissen die ambulanten Sprechstunden des Bezirkskrankenhauses Günzburg aufsuchen. Jetzt gibt es diese nicht mehr. Das ist für viele Patienten ein dramatischer Einschnitt.

Noch in der vergangenen Woche gab es im Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ) des Diakonischen Werks in der Robert-Koch-Straße 2 in Illertissen die wöchentliche Dienstagssprechstunde einer Ärztin des Bezirkskrankenhauses Günzburg. Diese "Außenambulanz" war seit 2010 eine begehrte Anlaufstelle für Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Problemen aus einem Umkreis von etwa 20 Kilometern. Fortan bezahlen die Krankenkassen diese Sprechstunden nicht mehr. Wer weiterhin psychiatrische Betreuung von einem Arzt aus Günzburg braucht, muss in der Regel künftig dorthin fahren und die Ambulanz aufsuchen. Denn nun setzen die Kassen ein Urteil aus dem Jahr 1995 um, das besagt, dass Ambulanzen zur Betreuung psychisch Kranker außerhalb der Einrichtungen der Bezirkskliniken nicht zulässig sind. Das betrifft Außenstellen von psychiatrischen Krankenhäusern in ganz Bayern. "Für uns ist das ein Drama", sagen Betroffene in Illertissen.

Fünf Patienten, die regelmäßig die Sprechstunden von Dr. Ulrike Grabert im SPZ Illertissen aufgesucht haben, sitzen mit Heidrun Feuerbacher, der Leiterin des SPZ, und Anni Heudorfer, pädagogische Mitarbeiterin der Tagesstätten im SPZ, um einen Tisch. Sie blicken enttäuscht und einigermaßen ratlos in die Runde. Die Nachricht, dass die Sprechstunden abgeschafft sind, hat sie hart getroffen. Der Bedarf in Illertissen sei groß, die Alternative, nach Günzburg fahren zu müssen, eine Belastung, die große Ängste hervorrufe. Sie haben bereits Beschwerdebriefe an ihre Krankenkassen abgeschickt. Einer hat Antwort bekommen, die allerdings fiel bescheiden aus. Wie am Anfang ihrer Krankheit, sehen sie sich wieder vor einem Berg von Schwierigkeiten.

Das fängt bei den Kosten an. Für eine Hin- und Rückfahrt mit dem Zug werden fast 20 Euro fällig - den Weg vom Bahnhof zum Krankenhaus noch nicht eingerechnet. Dazu kommt: Für alle, die schon einmal oder öfter stationär im Bezirkskrankenhaus aufgenommen werden mussten, ist der Bau ein rotes Tuch. "Da hab ich auch sofort Angst, die wollen mich wieder behalten", sagt eine Patientin. Sie war dort ein ganzes Jahr lang und ist froh, in der ambulanten Anlaufstelle in Illertissen einen Ort gefunden zu haben, der ihr Sicherheit gibt. Sicherheit, ja fast wie ein familiäres Umfeld, das bedeutete das SPZ in Illertissen für die Patienten. Dort stets die gleiche Ärztin aufsuchen zu können, die die Geschichte ihrer Patienten genau kennt, heißt, nicht stets erneut Zutrauen fassen zu müssen. "Psychisch Kranke haben zunächst mal ein Problem damit, sich als solche zu outen, sich selber und dem Arzt gegenüber", sagt ein 55-Jähriger. "Es ist einfach, eine Schädigung zu erkennen, wenn ich ein Bein gebrochen habe, das ist nach ein paar Wochen auch wieder gesund. Die geschädigte Psyche zu akzeptieren, ist jedoch nicht so leicht", erklärt er weiter. In der psychiatrischen Ambulanz in Günzburg befürchtet er, von wechselnden Ärzten betreut zu werden. "Das würde bedeuten, dass man seine Geschichte immer wieder von Neuem erzählen müsste. Das ist schwierig."

Sie haben alle eine unterschiedliche Geschichte. Beim einen haben sich schlechte Erfahrungen in der Kindheit, zu viel Leistungsdruck bei der Arbeit und letztlich die Arbeitslosigkeit zugespitzt bis zum psychischen Zusammenbruch. Den anderen haben die Belastung am Arbeitsplatz, die Pflege der Eltern und der erzwungene Verkauf des Elternhauses an seine Grenzen geführt. Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit für Familie und Freizeit, dann ein Unfall und schließlich die Arbeitslosigkeit haben einen 49-Jährigen zum Frührentner mit 560 Euro im Monat gemacht, der ohne starke Schmerzmittel nicht auskommt, aber vor allem seine psychische Belastung schwer in Griff kriegt. Durch Mobbing am Arbeitsplatz sei es so weit gekommen, dass sie an ihrem 37. Geburtstag stationär in der Psychiatrie aufgenommen werden musste, erzählt eine 44-Jährige. Jetzt ist sie so weit, dass sie mit ambulanter Behandlung zurechtkommt. Aber der kurze Weg dorthin ist wichtig.

Die Botschaft der fünf Betroffenen, die stellvertretend für ihre Leidensgenossen sprechen, ist klar: "Wir möchten unsere Ärztin nicht wechseln, wir wollen weiterhin zu Fuß zu den Sprechstunden gehen können, wir wollen nicht, dass so ein Gesetz angewendet wird, ohne die spezielle Situation vor Ort zu berücksichtigen." Dazu kommt die Angst, lange auf einen Termin im Krankenhaus warten zu müssen und dann auch noch vor Ort stundenlang vor dem Besprechungszimmer ausharren zu müssen.

Die Bezirkskrankenhaus hat zugesichert, dass jene Patienten, die wegen der Schwere ihrer Erkrankung nicht zur Klinik fahren können, einen Hausbesuch beantragen können. Für die 20 Patienten, die regelmäßig zur Tagesbetreuung ins SPZ Illertissen gehen, kann die Ärztin den Hausbesuch dort alle 14 Tage weiterhin anbieten. Für weit über 100 Patienten bedeutet die Neuregelung aber eine Verschlechterung.

Zusatzinfo

Niederschwellige Hilfsangebote gefordert

Früherkennung Bei der dritten Veranstaltung der Reihe "Versorgung auf dem Prüfstand" des Institute of Clinical Economics (ICE) der Hochschule Neu-Ulm im Illertisser Vöhlinschloss ging es um Menschen mit Depression. Etwa 40 Mitwirkende befassten sich mit dem Problem der Schließung der psychiatrischen Ambulanz des Bezirkskrankenhauses in Illertissen. Wichtige Erkenntnisse: Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen müssen finanziell attraktiv sein. Wichtig wäre auch, nicht nur die Heilung, sondern vor allem die Prävention und Früherkennung in einen neuen Fokus zu rücken. Hilfsangebote müssten niedrigschwellig vernetzt werden, damit sie leicht erreichbar sind, hieß es. Eine Möglichkeit wäre auch, eine überregionale Telefonhotline anzubieten.

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