|
aus: Südwestpresse vom 06.03.2010, S. 21
Sucht ist männlich
Neu-Ulm. Während die Zahl der Alkohol- und Medikamentenabhängigen stabil geblieben ist, hat sich ein neues Feld aufgetan: Immer mehr Menschen wenden sich wegen ihrer Glücksspielsucht an die Beratung der Diakonie.
Immer mehr Menschen, gerade auch in Neu-Ulm, haben Probleme mit Glückspielautomaten. Darauf hat die Suchtberatung des Diakonischen Werks in ihrer Jahrespressekonferenz hingewiesen. Archivfoto
Gespielt wird in einschlägigen Hallen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und nicht wenige, die die bunt blinkenden Automaten mit Münzgeld füttern, verschulden sich eklatant, plündern mitunter das Sparschwein ihrer Kinder. Oder sie greifen in die Vereinskasse. Geldnot macht erfinderisch - gerade auch Menschen, die vom Glücksspiel abhängig geworden sind. Bei der Suchtberatung des Diakonischen Werks in Neu-Ulm hat sich im vergangenen Jahr die Zahl derer, die Hilfe suchen, sich beraten lassen wollen, nahezu verdoppelt. Darauf haben die Leiterin der Suchtberatung, Renate Janik, und ihre Mitarbeiterin Susanne Hessel bei der Vorstellung des Jahresberichts 2009 hingewiesen. Die sprunghaft angestiegene Zahl der Glücksspielsüchtigen ist für Renate Janik ein Beleg dafür, wie wichtig es gewesen sei, gerade dieses Thema zum Arbeitsschwerpunkt des vergangenen Jahres zu machen. Im vergangenen Jahr haben sich 72 Menschen beraten lassen. Weil sich auch in der Stadt und im Landkreis Neu-Ulm Spielhallen immer weiter ausbreiten, rechnet die Diakonie mit einer weiteren Zunahme der Hilfesuchenden. Glücksspielsucht ist überwiegend männlich: Mehr als zwei Drittel der Ratsuchenden waren Männer. Die Arbeit der Diakonie ist übrigens eingebunden in das bayernweite Netzwerk der Landesstelle Glücksspielsucht. Im Februar wurde dort die Präventivkampagne "Verspiel nicht Dein Leben" gestartet. Dennoch ist die Halbtagesstelle von Stefan Becker nur bis Mitte des nächsten Jahres gesichert. Finanziert wird sie nicht zuletzt durch Abgaben der Toto-Lotto-Gesellschaft und der Kasinos, also staatlichen Glücksspielanbietern. Private Anbieter oder die etwa Automatenindustrie, so Renate Janik, würden sich diesbezüglich aber vornehm zurück halten: "Von dort kommt kein Geld." Auch wenn der Fokus derzeit eher beim Glücksspiel liegt, ist die Situation bei den Alkohol- und Medikamentenabhängigen nach wie vor ernst. 408 Klienten wurden 2009 gezählt. Auch hier waren es deutlich mehr Männer als Frauen. Zu den Hilfesuchenden zählten auch 69 Angehörige von Abhängigen. Und: Die Zahl derjenigen, die sich nach einem Entzug weiter an die Diakonie wenden, dort Betreuung suchen, sei gestiegen. "Das ist überaus wichtig für den langfristigen Erfolg", sagt Renate Janik. Nicht optimal sei die Trennung der Suchtberatung für Erwachsene auf der einen und Kinder und Jugendliche auf der anderen Seite. Janik: "Der Zustand muss verbessert werden." Eingeschaltet seien schon die politischen Gremien des Landkreises.
|