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aus: Südwestpresse vom 25.07.2008, S. 22

Im Bürokratiedschungel
Seit einem Jahr Beratung für Migranten in Senden

Vor einem Jahr hat in Senden eine Beratungsstelle für Migranten eröffnet. Seitdem hat sie sich zu einer wichtigen Anlaufstelle für Ratsuchende entwickelt. Oft geht es bei den Gesprächen um Geldsorgen.

Angela Gruber
Senden. „Ich bin hier in Deutschland überfordert“, gibt Loredana Senza (Name geändert) zu. Obwohl die Rumänien schon seit zwölf Jahren in Deutschland lebt, hat sie hier noch nicht recht Fuß gefasst. Am Mittwoch hatte die 33-jährige aus Senden ihr erstes Beratungsgespräch bei Renate Koch. Die Sozialpädagogin und Fachberaterin für Migration und ihre Kollegin Sigrun Grüninger bieten seit einem Jahr eine Beratung für Menschen mit Migrationshintergrund – so die offizielle Bezeichnung – in Senden an. Träger des Angebots sind das Diakonische Werk Neu-Ulm und der Diakonieverein Senden.
Fälle wie der von Loredana Senza passten eigentlich nicht in das Konzept der Migrationsberatung, sagt Renate Koch. Denn offizielle Stellen gingen davon aus, dass ein Zuwanderer nach spätestens fünf Jahren in Deutschland fit sei fürs Alltagsleben. „Das widerspricht aber der Realität – das Leben in Deutschland ist zu kompliziert.“ Jeden Mittwoch von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 15.30 Uhr findet die Beratung im evangelischen Gemeindehaus, dem Paul-Gerhardt-Haus, in Senden statt. Wer dorthin kommt, hat fast immer mit „sehr vielschichtigen Problemen“ zu kämpfen.
So auch Loredana Senza: Die 33-jährige alleinerziehende Mutter von zwei Kinder ist zum Beratungstermin gekommen, um zu erfahren, ob sie noch zusätzliche Unterstützung für ihre Kinder beantragen kann. Da die Rumänin arbeitslos ist, ist das Geld in der Familie chronisch knapp: „Ich kann es mir nicht einmal leisten, einmal im Monat mit meinen Kindern ins Kino zu gehen.“ Wenn Loredana Senza auf ihre Kontoauszüge blickt, die sie in einem kleinem Ordner abgeheftet hat, wirkt sie verbittert: Obwohl sie jeden Cent zweimal umdreht, reicht das Geld vom Staat nicht: Sie hat Schulden.
Finanzielle Schwierigkeiten sind überhaupt eine der Hauptursachen, warum Menschen bei Renate Koch Hilfe suchen. Häufig geht es auch um Fragen zu Anträgen, Behördenschreiben oder zum Einbürgerungsverfahren. Auch Loredana Senza sieht im deutschen Bürokratiedschungel den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr: „Mit dem ganzen Papierkram komme ich alleine nicht zurecht.“ Über das ortsnahe Angebot für Migranten ist sie dankbar. Am Ende des Gesprächs vereinbart sie einen zweiten Termin. Bis dahin will Sozialpädagogin Koch mit einigen Telefonaten abklären, was sie für die Rumänin tun kann.
Ohnehin sei es selten mit einem Beratungsgespräch getan, weiß die Sozialpädagogin: „Ich habe einen gewissen Stamm an Ratsuchenden, die regelmäßig vorbei kommen.“ Das sei wichtig, denn viele tiefliegende Probleme kämen erst beim zweiten oder dritten Termin zur Sprache.
Als die Beratungsstelle in Senden im August 2007 eröffnet wurden, hatte sie ihren Sitz noch im Heinigssaal am Funkweg. Damals sei das Angebot nur verhalten angenommen worden, erinnerte sich Renate Koch. Das hat sich aber geändert: Seit die Beratungsstelle ins neu gebaute Paul-Gerhardt-Haus gezogen ist, hat die Zahl der Ratsuchenden stark zugenommen. Mittlerweile  seien in Senden schon weit über 100 Beratungsgespräche geführt worden. Die Migranten stammen aus zwölf verschiedenen Ländern, hauptsächlich aus dem ehemaligen Ostblock und der Türkei. Einige von ihnen seien so davon frustriert, „als Menschen hier in Deutschland keine Anerkennung zu finden“, dass sie an eine  Rückkehr in die alte Heimat dächten, sagt Renate Koch. Die nächste Beratungsstelle, die ebenfalls von Renata Koch und Sigrun Grüninger betreut wird, ist in Neu-Ulm. Die Sozialpädagogin hofft, dass die Außenstelle in Senden erhalten bleibt. „Der Bedarf wäre da.“

Finanzspritze der Stadt
Die Stadt Senden hat die Migrationsberatung auf Antrag des Diakonievereins Senden schon im ersten Jahr mit 5000 Euro bezuschusst. Für dieses Jahr sind ebenfalls  5000 Euro im städtischen Haushalt eingeplant. Die Beratungsstelle muss lediglich einen Verwendungsnachweis für das Geld vorlegen. Geplant sei eine langfristige Unterstützung auch nach 2008, sagt Hauptamtsleiter Jürgen Schwer: „ Wenn man die Migrationsthematik ernst nimmt, muss man ein solches Angebot auch unterstützen.

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